Ärztezentrum eröffnet

Fachärzte reagieren auf politisch erzwungenen Wettbewerb

Kirchheim, Steingaustraße 13: ein eindrucksvoller Komplex, fünf Stockwerke ragt er in die Höhe, fünfeinhalbtausend Quadratmeter Fläche, vorne am Haus auf einem Schild stolz das Logo ÄZK: Ärztezentrum Kirchheim. Vor Tagen wurde dort noch emsig geräumt, die OPs wurden installiert, Möbel platziert, in der Apotheke die Regale aufgestellt.

vom 01.08.2008 von Werner Waldmann, veröffentlicht im Gesundheitsmagazin Esslingen

Der Eindruck, es mit einer Privatklinik tun zu haben, ist gar nicht so verkehrt. Vertreten sind hier Chirurgen, Hautärzte, Neurologen, Orthopäden, Psychotherapeuten, Urologen, Zahnärzte, Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen, ein Narkoseteam und Hautärzte. Ich sitze dem Macher gegenüber, der mit ärztlichen Kollegen und anderen medizinischen Dienstleistern eine Gesellschaft gegründet, gemeinsam dieses Projekt ausgedacht und durchgesetzt hat. Kein Unternehmer, kein Kaufmann, sondern ein Arzt, der Chirurg Dr. med. Friedrich Fink. Zweifellos ein begabter Organisator, einer, der andere zu überzeugen, mitzureißen weiß. Ihm mag man vertrauen. Er gibt sich offen, humorvoll. Aber er weiß, was er will. Fink operiert nicht nur, er ist nebenbei auch Geschäftsführer dieses Unternehmens. Nicht nur Fachärzte residieren hier, auch andere Dienstleister rund um Gesundheit und Rehabilitation haben sich mit der Medizin zusammengetan: ein Sanitätshaus, eine Apotheke, ein Physiotherapie-Zentrum, medizinische Fußpflege, Kosmetik, und eine stationäre Pflegeeinrichtung. Man muss es zugeben: DieGesellschafter haben hier ein hochmodernes Gesundheitszentrum hingestellt. Der Patient hat vom einen Arzt zum anderen keine langen Wege mehr. Er findet ihn um die Ecke auf dem gleichen Stockwerk. Alle Praxen sind miteinander vernetzt, elektronisch und fachlich. Dennoch vermittelt sich einem nicht der Eindruck, in eine große Verwaltungsmaschinerie geraten zu sein. Die Geschäftsführung beansprucht gerade einmal zwei kleine Büroräume. Finks Ärztezentrum verströmt den Charme derIndividualität. Der größte Mieter im Haus ist das MVZ Kirchheim, ein Medizinisches Versorgungszentrum. Die Gesundheitsreform hat diese neue Organisationsform des Zusammenschlusses von Ärzten verschiedener Fachrichtungen ermöglicht, ja sogar herausgefordert. Früher gab es Ähnliches auch schon; man sprach von einer Gemeinschaftspraxis, weil sich dort ein paar Ärzte zusammentaten. Ein MVZ muss mindestens zwei Ärzte verschiedener Fachrichtungen haben. Dem unternehmerischen Geschäftsführer muss ein ärztlicher Leiter zur Seite stehen. Die Ärzte des MVZ sind fest angestellt. Sind sie zudem an dem Unternehmen finanziell beteiligt, so haben sie auch den Status eines Gesellschafters. Nicht jedermann kann also ein MVZ gründen. Es muss sich um einen, wie es im Juristendeutsch heißt, “zugelassenen Leistungserbringer nach dem Sozialgesetzbuch V” handeln – also z.B. um einen Arzt, ein Krankenhaus, einen Apotheker, eine Krankenkasse oder einen “Heilmittelerbringer”. Durch die Zulassung von MVZs können erstmals auch Krankenhausärzte Patienten ambulant betreuen. Bisher war die ambulante Betreuung nur den niedergelassenen Vertragsärzten möglich. Diese neue Versorgungsform will die bisherige Trennung von ambulanter und stationärer medizinischer Versorgung aufheben und so den bisherigen Unterschied von frei praktizierenden Ärzten und Klinken allmählich beseitigen.

Und wo bleibt der Patient?
Der Leser wird sich fragen, was ihn das alles zu interessieren hat. Unser in vehementem Umbau befindliches Gesundheitssystem mit diversen Gesetzen, die sich manchmal gegenseitig aufheben, ergänzen und widersprechen, scheint eher ein Fall für den Experten zu sein. Was hat der Patient davon? Darf er bessere Leistungen erwarten oder wird die medizinische Versorgung schlechter werden? Eigentlich weiß noch niemand so recht, wo dieser Wettbewerb hinführt. Die Politik hat dieWeichen gestellt. Man muss sehen, wie das funktioniert. Es wäre jedoch falsch, diese fast revolutionären Änderungen von vornherein schlechtzureden. Es musste etwas passieren. Im Grund wissen wir alle, dass Neuerungen immer auf Widerstand stoßen. Die Bürger als Patienten tun aber gut daran, die Hintergründe der Gesundheitsreform zu begreifen. Bisher wurde der gesetzlich versicherte Patient vom niedergelassenen Arzt in seiner Praxis behandelt, dann gab es immer mehr Zusammenschlüsse von Ärzten gleicher Fachrichtung in Gemeinschaftspraxen, seit 2004 werden nun fachübergreifende Berufsausübungsgemeinschaften politisch gefördert. Jetzt kann der Patient in ein Zentrum zu eben seinem bisherigen Arzt gehen, welcher ihn notfalls zu einem anderen Kollegen überweist, der nun im selben Haus residiert. Geändert hat sichfür den Patienten wenig. Er spart sich nur einen möglicherweise längeren Weg. Doch halt: Auch eine Klinik kann sich ein MVZ zulegen, das die von der Klinik angestellten Ärzte zusätzlich betreuen. Auch hier wird man ambulant operiert, also ohne in der Klinik übernachten zu müssen. Das sieht für den Patientennach Wettbewerb aus. “Wettbewerb” so Dr. Fink, ”ist gut. Denn es wird immer Patienten geben, die z.B. ungern zu uns kommen. Es wäre schlecht, wenn sie trotzdem auf Gedeih und Verderb zu uns kommen müssten, weil es nur einen Leistungsanbieter gibt, wie in staatlichen Gesundheitswesen. Der Patient muss die freie Arztwahl haben“ Bis zum März 2008, so die Kassenärztliche Bundesvereinigung, gab es in Deutschland 1023 MVZs mit 4445 tätigen Ärzten, davon 3247 im Angestelltenverhältnis. Diese Zahlen lassen ahnen, dass wirklich große Zentren wie in Kirchheim noch Seltensheitswert besitzen.

Fairer Umgang der Wettbewerber
„Wettbewerb“ – das hört sich vernünftig an. Nur müssen die Wettbewerber auch sachlich und fair miteinander umgehen. Wenn die Wettbewerber den Patienten mit qualitativ hochwertigen medizinischen Leistungen, mit kürzeren Wartezeiten und einer angenehmen Atmosphäre umschwärmen,dann ist das ein konstruktiver Wettbewerb – der übrigens sinnvolle Kooperationen nicht ausschließen darf. Übel wäre es, wenn Wettbewerber sich gegenseitig das Wasser abgraben, um einander die Patienten abzujagen und die Versorgung unterm Strich verschlechtern. Eine hochprofessionelle Chirurgie im Krankenhaus mit aufwändiger apparativer und personeller Ausstattung beispielsweise ist für große Eingriffe prädestiniert, die ambulant nicht durchführbar sind. Warum muss diese Klinik auch noch kleine Routineeingriffe an sich ziehen und damit den ambulant tätigen Operateuren Konkurrenz machen? Ohne eine sinnvolle Marktaufteilung entstehen hoheKosten, welche die Krankenkassen und damit die Patienten als Beitragszahler und Steuerzahler aufbringen müssen. Dr. Fink und anderen Fachärzten in Kirchheim wurde durch die neue Gesetzgebung klar, dass sie als einzelne Praxen gegenüber einer Klinik, die jetzt ebenfalls ambulante Dienste anbieten könnte, zwangsläufig den Kürzeren ziehen würden. Sie entschlossen sich daher, die neuen Rahmenbedingungen rasch zu nutzen und ein Ärztezentrum in Kirchheim zu gründen. Zuerst boten sie dem Kirchheimer Krankenhaus an, das Ärztezentrum auf dem Klinikgelände zu bauen. Allerdings hätte es hierzu einer verbindlichen Kooperationsabsprache mit klaren fachlichen Zuordnungen bedurft. Darauf ließ sich der Krankenhausträger nicht ein. DieGesellschaft baute ihr Zentrum deshalb in der Kirchheimer Steingaustraße. Ende 2003 begann das Gespräch mit den Kollegen; ein halbes Jahr später wurde die “Ärztezentrum Kirchheim GmbH”gegründet, 2005 kaufte man den Baugrund, Ende 2006 begann man zu bauen, und seit dem 1. Juli ist das Zentrum eröffnet. Dr. Fink sieht sich nicht in der Rolle des Herausforderers; er versucht nur rechtzeitig zu reagieren. Der Gesetzgeber hat die bisher verbriefte ambulante Versorgung durch die niedergelassenen Ärzte aufgehoben, also müssen sich diese rechtzeitig gegenüber den finanzkräftigeren Kliniken stärken, die nun auf ambulantem Sektor ebenfalls als Wettbewerber zugelassen sind. Was für die daran beteiligten Ärzte fürs Überleben notwendig ist, kommt aber auch den Patienten zugute, die jetzt ambulant und wohnortnah aus einer Hand in Kirchheim versorgt werden. Das MVZ Kirchheim will seine Tätigkeit auf Kirchheim beschränken und lehnt es ab, in die Region zu expandieren, Patienten sollen an ihrem Wohnort behandelt werden. Kooperationen, so Fink, sind sinnvoll, wenn gemeinsam den Patienten ein besseres Versorgungsangebot gemacht werden kann. So besteht bereits eine enge Zusammenarbeit mit der Kinderchirurgie des Esslinger Klinikums: Der dortige Kinderchirurg Dr. J.Holzer bietet im Ärztezentrum eine kinderchirurgische Sprechstunde und ambulante Operationen an. Durch das gemeinsame Darmzentrum Esslingen wurde für die Patienten der Region eine Versorgungsstruktur auf hohem qualitativem Niveau geschaffen. Auch der Neurologe Dr. Mauz vom Kirchheimer Krankenhaus hält eine Sprechstunde im MVZ ab und verbindet so die ambulante mit der stationären Behandlung. Diese engen Verzahnungen der Behandlung hat sich für die Patienten bewährt und soll weiter ausgebaut werden.